Die Auferstehung: Welche Wahrheit?

José Granados

„Christus ist auferstanden! – Er ist wahrhaftig auferstanden!“ Dieser Gruß und seine Antwort sind im christlichen Osten während der Osterzeit allgemein verbreitet. Die Betonung liegt auf dem Adverb: „Wahrhaftig!“, das uns auch in der lateinischen Liturgie begegnet, in Anlehnung an das Evangelium nach Lukas (Lk 24,34). Das Bestehen auf der Wahrheit der Auferstehung schützt vor Deutungen, die sie verharmlosen. Es geht zum Beispiel nicht um eine ätherische Unsterblichkeit der Seele, wie sie bereits Platon lehrte; noch lebt Christus allein deshalb fort, weil sein Projekt fortlebt, wie der liberale Protestantismus meinte. Worum geht es also? Was bedeutet es, dass Christus „wahrhaftig“ auferstanden ist?

Nach einer Zeit, in der man der Wahrheit gegenüber geradezu allergisch war, da man sie für eine Ursache des Totalitarismus hielt, erleben wir heute das Drama der Post-Wahrheit, die das gegenseitige Vertrauen untergräbt und gemeinsame Projekte verhindert.

Wenn überhaupt, so akzeptiert man noch die Erkenntnisse der Naturwissenschaften, während man die tiefergehenden Fragen der Meinung, dem Geschmack oder der mystischen Intuition überlässt. Könnte das „Wahrhaftig“ von Ostern diese Zersplitterung der Wahrheit heilen und uns helfen, wieder gemeinsame Sichtweisen zu entwickeln, die den Kern des Menschseins berühren?

Dieses „Wahrhaftig“ meint erstens die Wahrheit eines faktischen Ereignisses, das sich wirklich zugetragen hat. Heute ist dies eine der wenigen Verwendungen, für die für das Wort „Wahrheit“ noch zugelassen wird. Zugleich wird es immer schwieriger, gefälschte Tatsachen zu erkennen oder sich gegen jene zu wappnen, die sie verdrehen, um interessengeleitete Narrative zu stützen. Diese Formbarkeit der Fakten offenbart uns, dass es nackte, ungedeutete Tatsachen in Wirklichkeit gar nicht gibt. Tatsachen, insofern sie das Menschliche berühren, werden stets von einer Deutung begleitet, die ihnen Sinn im Lauf der Geschichte verleiht. Nun ist die Tatsache der Auferstehung Jesu schlechthin die Tatsache, die von Sinn überquillt.

Wenn nämlich Jesus, der Sohn Gottes, der in die Geschichte eingetreten ist, die Geschichte lenkt, indem er auferstanden ist und zur Rechten des Vaters sitzt, dann hat die Geschichte ihre Vollendung gefunden. Die Tatsachen haben aufgehört, Fragmente zu sein, die endlos umgedeutet werden können. Die Auferstehung lässt sie als Meilensteine einer Geschichte erstrahlen, in der die Liebe Gottes, die die menschliche Freiheit annimmt, sich als fähig erweist, die Zeiten einzuleiten und zu vollenden. Kein späteres Ereignis hat die Tragweite, die Bedeutung dieses entscheidenden Ereignisses neu zu definieren; vielmehr ist es dieses Ereignis, das alle anderen Ereignisse – vergangene wie zukünftige – in ein neues Licht rückt.

Das „Wahrhaftig“ der Auferstehung meint zweitens, dass die Auferstehung im Fleisch geschieht und nicht nur in einem privaten geistigen Bereich. Die alten Glaubensformeln verbinden „wahr“ mit „Fleisch“ oder „Leib“: Der Herr ist auferstanden „in seinem wahren Fleisch“. Christus ist auferstanden, weil er so vollständig mit seinem Leib geliebt hat – mit seinen Wünschen und Ängsten, seinen Traurigkeiten und Freuden –, dass er diesen Leib befähigte, erfüllt zu werden von der Liebe Gottes. Die Auferstehung lädt uns somit dazu ein, die Wahrheit nicht direkt im Bereich des Verstandes, sondern vor allem im Fleisch zu verankern. Wahr ist das, was uns aus dem Schlaf unserer isolierten Existenz erweckt und uns in die gemeinsame leibliche Welt hineinführt. Die Wahrheit liegt im Bereich der gemeinschaftlichen Arbeit und der Begegnung von Angesicht zu Angesicht.

Denn ohne eine Wahrheit des Leibes, ohne eine gemeinsame leibliche Sprache, die es erlaubt, den anderen als Bruder oder Schwester zu erkennen, endet die Wahrheit als bloße Traumphantasie. Wenn es aber eine Wahrheit des Leibes gibt, dann kann Wahrheit das sein, als was sie der polnische Philosoph Stanisław Grygiel bezeichnete, nämlich die „Angleichung der Person an die Person des anderen.“ Die Wurzel dieser Sprache des Leibes verortet das Buch Genesis in der Sprache der Familie, gegründet auf dem „Ein Fleisch-Werden“ von Mann und Frau, die ihre Einheit im Fleisch des Kindes weiterführen. Die Auferstehung bestätigt, dass diese Sprache des Leibes, die alle Menschen miteinander verbindet, geheilt und befähigt wurde, Vergebung und Gemeinschaft zu vermitteln.

Das „Wahrhaftig“ der Auferstehung bedeutet drittens, dass die Auferstehung nicht nur auf unsere ungewisse Zukunft wirkt, sondern schon jetzt einbricht, um uns zu verwandeln. Während die Juden auf die allgemeine Auferstehung am Ende der Zeiten warteten, rückt die Auferstehung Jesu in den Mittelpunkt der Geschichte, damit wir bereits jetzt durch ihn das auferstandene Dasein führen können. Die Auferstehung ist ein Akt von solcher Kraft, dass sie von Jesus ausströmt und die Menschen auf ihr Ziel hin antreibt. Ostern rechtfertigt daher keine Passivität angesichts des Weltgeschehens, sondern verleiht unserem Handeln Dringlichkeit. Denn wenn das menschliche Leben auf die Ewigkeit Gottes zustrebt, dann gewinnt jede menschliche Entscheidung in der Zeit Ernst und Gewicht. Und wenn unsere Bindungen dazu bestimmt sind, in Gott für immer geknüpft zu werden – wenn Mann und Frau sich nach dem Tod wieder begegnen sollen –, dann ist es dringend notwendig, diese Bindungen bewusst zu wählen und mit Hingabe zu pflegen. Die Wahrheit der Auferstehung beseelt und lenkt unser Handeln, damit das, was in Christus geschehen ist, in jedem Menschen geschehe. Es ist eine Wahrheit, die sich in der Praxis des christlichen Lebens bewähren muss: Werden jene, die Christus nicht als den Lebendigen wahrnehmen, in den Gläubigen die lebendige Liebe Christi wahrnehmen können?

Wenn die Wahrheit der Auferstehung sich als Wahrheit der Tatsachen und als leibliche und praktische Wahrheit erweist, dann erleuchtet der Osterglaube die Wahrheitskrise genau dort, wo unsere Epoche sie ansiedelt. Die Auferstehung sagt uns: Die Tatsachen haben Sinn; der Leib hat eine Sprache; unser Handeln hat Ursprung und Ziel. Und so erweist sich die Wahrheit der Auferstehung als die Wurzel, in der jede andere Wahrheit gründet. Descartes versuchte, sein System auf der ursprünglichen Wahrheit des Cogito ergo sum zu errichten: „Ich denke, also bin ich.“ Das Christentum gründet alle Wahrheit in der gemeinsamen Erfahrung der Begegnung mit dem Auferstandenen in seinem Fleisch: Resurrexit, ergo sumus. „Er ist auferstanden, und darum sind wir.“

Diesen Artikel teilen

José Granados

José Granados ist Dogmatiker und Mitbegründer des Veritas Amoris Projects. Von 2010 bis 2020 lehrte er als Ordinarius für Dogmatische Theologie der Ehe und Familie am Päpstlichen Institut Johannes Paul II. für Studien über Ehe und Familie in Rom, wo er auch Vizepräsident war. Zwischen 2004 und 2009 war er Professor für Theologie an der Washingtoner Sektion des Instituts Johannes Paul II. Er ist der Autor zahlreicher Publikationen, darunter „Zur Liebe berufen: Eine Einführung in die Theologie des Leibes von Johannes Paul II.“ (mit Carl Anderson), Fe-Verlag 2013 und „Der Olivenbaum des Odysseus - oder die Architektur der Familie“, Be&Be Verlag 2018.

Über uns

Das Veritas Amoris Project betont die Bedeutung der Wahrheit der Liebe als Schlüssel zum Verständnis des Geheimnisses Gottes, der menschlichen Person und der Welt, in der Überzeugung, dass diese Perspektive einen ganzheitlichen und fruchtbaren pastoralen Ansatz bietet.

Weitere Artikel

Nach oben